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koKathRU in Hessen (#openreli 2013/2)

koKathRU in Hessen (#openreli 2013/2)

Impuls: Woran kann man deiner Meinung nach guten (kompetenzorientierten) Religionsunterricht erkennen?

Die Beantwortung der Frage gestaltet sich nicht leicht, da es weder per se „guten“ noch per se „kompetenzorientierten“ Unterricht gibt: Was gut, was kompetenzorientiert ist, hängt ab von der Füllung dieser Begriffe und der ihr zugrunde liegenden Vorstellung von Unterrichtsqualität.

Ein zentrales Ergebnis der Forschungsarbeit von John Hattie ist die Neu- bzw. Wiederentdeckung der Bedeutung der Handlung der Lehrperson. Was sie tut, ist wirksam – mal mehr, mal weniger, je nach Lerngruppe, Gegebenheiten und individuellen Umständen der Lernenden wie Lehrenden. Entscheidend ist, dass das Tun der Lehrperson für Lehrende wie Lernende sichtbar wird und die Bereitschaft voneinander zu lernen auf beiden Seiten vorhanden ist und ggf. zu einer Art Rollentausch bzw. -erweiterung (Lernende werden untereinander und auch für die Lehrkraft Lehrende, die Lehrkraft auch Lernende bzw. Lernender1) führen kann:

„What is most important is that the teaching is visible to the students, and that the learning is visible to the teacher. The more the student becomes the teacher and the more the teacher becomes the learner, then the more successful are the outcomes.“2

Diese und weitere Erkenntnise der Lernforschung aufnehmend, beschreibt der Hessische Referenzrahmen Schulqualität3 in seinem Qualitätsbereich VI „Lehren und Lernen“ (Seiten 80-100) eine durch „aufschließende Fragen“ und „mögliche Anhaltspunkte“ gut nachvollziehbare und relativ klar gefasste Vorstellung von gutem, kompetenzorientiertem Unterricht:

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  • VI.1.1 Der Unterricht orientiert sich am Kerncurriculum für Hessen und dem jeweiligen Schulcurriculum bzw. an den geltenden Lehrplänen. Er entspricht den dort dargelegten fachlichen Anforderungen.
  • VI.1.2 Der Unterricht sorgt – unter Berücksichtigung von Anwendungssituationen – für den systematischen Aufbau von Wissen und Können, um den Erwerb fachlicher Kompetenzen zu ermöglichen.
  • VI.1.3 Beim Aufbau von Wissen und Kompetenzen knüpft der Unterricht an das Vorwissen und die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler an.
  • VI.1.4 Zu erwerbende Kenntnisse werden durch Wiederholen, Kompetenzen durch intelligentes Üben gefestigt.
  • VI.1.5 Die Vermittlung von überfachlichen Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen ist Unterrichtsprinzip.
  • VI.1.6 Der Unterricht ist kognitiv herausfordernd und aktivierend.

Unter der Überschrift „Auf dem Weg zum kompetenzorientierten Unterricht – Lehr- und Lernprozesse gestalten“ versucht das Hessische Prozessmodell4 diese Vorstellung von kompetenzorientiertem (i.S.v. lernwirksamem) Unterricht unter Rückgriff auf den Zaugg’schen Förderkreislauf5 und das Dialogische Lernmodell von Peter Gallin und Urs Ruf6 nach dem Prinzip einer Spirale (in ähnlicher Funktion wie SEL in klippert’scher Leseweise) in Fokussierung des Verhältnisses zwischen Lehrenden und Lernenden so zu konkretisieren. dass Lehrende damit umgehen und ihr Tun daran orientieren können. Die horizontale und vertikale Vernetzung, also das Andocken z.B. an auch außercurriculares (Vor)wissen und somit auch die konzeptionell anvisierte Auflösung des Fächer-Denkens sind integrale Bestandteile des hinsichtlich des Lehr-/Lernprozesses fünf-schrittigen (nicht notwendigerweise linear ablaufenden) Modells, das in spiralisch verbundenen Lehr-Lernzyklen (z.B. fachbezogenen Unterrichtseinheiten, Fächer übergreifende Projekte, langfristige komplexe Vorhaben wie z.B. Aufbau von Argumentationskompetenz) realisiert werden kann:

Prozessmodell-Hessen-leer

In einem Ende Mai 2011 von den Autoren Werner Bauch, Michael Katzenbach und Christoph Maitzen herausgegebenen Kurztext7 werden die fünf Bereiche wie folgt umrissen:

  • Lernen vorbereiten und initiieren: Lernen kann selbstgesteuert gelingen, wenn sich Lernende ausgehend von individuellen Vorstellungen, Interessen und Lernständen eigene Ziele setzen und unter transparenten Rahmenbedingungen eines Lernangebots die Erwartung haben, diese Ziele auch erreichen zu können. Voraussetzungen auf der Seite der Lehrenden sind u. a. die Kenntnis der individuellen Lernstände bezogen auf die allgemeinen Anforderungen und das Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit der Lernenden. Bei der Zielklärung geht es sowohl um die Vermittlung zwischen Zielen der Lernenden und Zielen der Lehrenden, welche sich u. a. als Auftrag aus Kern- und Schulcurricula ergeben, als auch gegebenenfalls um Verständigung über Inhalte und Prozesse zwischen den Lernenden einer Gruppe. Dazu gehören auch Klärungen zur abschließenden (summativen) Bilanz des Lehr-Lernzyklus: Wird auf der Basis entstandener Produkte oder Präsentationen bewertet? Wie werden Dokumentationen zum Lernprozess einbezogen? Wird es einen schriftlichen Test geben? Wird eine Note für den Lehr-Lernzyklus vergeben? Wenn ja, wie werden Lern- und Bewertungssituationen voneinander getrennt?
  • Lernwege eröffnen und gestalten: Die Verantwortung für das Unterrichtssetting liegt vor allem bei den Lehrenden sowie bei Schule und Schulträger. Ein Klassenraum, der als Arbeitsraum für Lernende gestaltet und ausgestattet ist, erleichtert Lernenden, auf Werkzeuge und Methoden zurückzugreifen und so den eigenen Lernprozess zu planen und zu gestalten. Die grundsätzliche Orientierung am selbstgesteuerten Lernen schließt gezielt eingesetzte Instruktion durch die Lehrenden nicht aus. Damit verständnisvolles Lernen ermöglicht wird, geht es bei der Gestaltung des Unterrichts um die Einbindung erfahrungsbezogener Kontexte, um kognitiv herausfordernde Lernangebote für alle Lernenden, um einen für die Lerngruppe angemessenen Einsatz von Unterrichtsformen, Methoden und Materialien und um die Einführung unterstützender Rituale – auch im Hinblick auf die Dokumentation der Lernwege. Die didaktischen Differenzierungsmöglichkeiten reichen von Angeboten, die z.B. für unterschiedliche Leistungsniveaus in konkreten Lernsituationen konzipiert sind, über Aufgaben, die verschiedene Lernkanäle ansprechen oder unterschiedliche Tätigkeiten ermöglichen, bis hin zu Unterrichtsvorhaben, bei denen es ein gemeinsames thematisches Angebot an die gesamte Lerngruppe mit vielfältigen Anforderungssituationen gibt, die die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen in der Gruppe ansprechen. Lernende können entsprechend wählen und tragen mit ihrer Arbeit zur Gesamtbearbeitung des Themas bei. Sie können über das gemeinsame Thema mit der gesamten Gruppe kommunizieren und damit auch von anderen lernen.
  • Orientierung geben und erhalten: Individuelles Feedback durch die Lehrenden hat die Orientierung im Lernprozess und die gemeinsame Weichenstellung für den weiteren Lernweg zum Ziel. In zahlreichen Untersuchungen hat sich eine mehrfache, unbenotete individuelle Rückmeldung (formative Beurteilung) als eine der wirksamsten Maßnahmen zur Förderung der Leistungsentwicklung von Lernenden herausgestellt, insbesondere wenn diese an der Sachnorm orientiert ist und zugleich den individuellen Lernfortschritt betont. Beobachtungen im Lernprozess, lautes Denken, Dialoge, informelle und diagnostische Tests, Selbsteinschätzungen der Lernenden, Partnereinschätzungen und Lernjournale liefern wichtige Informationen für Lerngespräche zur Orientierung und für Entscheidungen zur Weiterführung des Lernprozesses.
  • Kompetenzen stärken und erweitern: Abhängig von solchen Weichenstellungen im Lernprozess als Ergebnis formativer Beurteilungen werden Lernende beispielsweise zu automatisierende Fähigkeiten üben, im Ansatz erworbene Kompetenzen in neuen Anwendungssituationen festigen, Kompetenzen erweitern oder auch auf ihrem Lernweg zurückgehen, etwa um einen anderen Zugang zum Lerngegenstand zu versuchen. Auch Üben ist ein Bestandteil guten Unterrichts, es geht also um kognitiv anspruchsvolle Aufgabenstellungen für alle Lernenden, um unterschiedliche, auch materialgestützte Zugänge und um Aufgabenstellungen in strukturierten Zusammenhängen, die verschiedene kognitive Prozesse ermöglichen und Selbststeuerung fördern.
  • Lernen bilanzieren und reflektieren: Wie im gesamten Lehr-Lernzyklus ist in der Bilanz am Ende die Qualität der Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden zentral für den Erfolg. Rückmeldungen zum Unterricht und die Ergebnisse der Lernenden liefern den Lehrenden Informationen über das Erreichen der Ziele und somit eine Grundlage für die weitere Planung. Ergebnisse der Leistungsfeststellung nach den zu Beginn vereinbarten Kriterien und Verfahren können Lernenden aufzeigen, in welchem Maß sie die Ziele erreicht haben und wo sie in Bezug auf langfristige Kompetenzerwartungen stehen. Bei unbenoteten und benoteten Lehr-Lernzyklen sind die anfangs geklärten Kriterien und Verfahren die Basis für eine transparente Beurteilung bzw. Notengebung.

Prozessmodell-Hessen

Noch etwas verständlicher wird das Prozessmodell in dieser annotierten Grafik:

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Zwischenergebnis: Das hessische Prozessmodell vertritt und unterstützt einen Lehr- und Lernprozess, der Lehrende und Lernende in Beziehung zueinander setzt, der differenzierend und individualisierend Vorwissen diagnostisch erhebt und daran anknüpft, der Lernende an der Problemfindung und -formulierung ebenso wie an der Gestaltung des Lernwegs beteiligt, den Erarbeitungsprozess durch formatives Feedback v.a. der Lehrenden flankiert, erworbene Kompetenzen durch Übung, Vertiefung, Anwendung und Transfer sichert und durch Reflexion des Lernprozesses sowie auch summativen Feedbacks (z.B. Bewertung eines Lernprodukts) idealerweise den Grundstock zu einer sinnvoll anschließenden Weiterarbeit bildet. In diesem Sinne ist kompetenzorientierter Unterricht nicht die Neuerfindung des Rades, sondern eine Art „Best of-Remix“ der Lern- und Unterrichtsforschung der letzten Jahrzehnte, die wiederum Methoden und Konzeptionen des Unterrichtens eher akkzentuiert als neu erschafft. Das Neue ist die Gesamtsicht auf den Lehr- und Lernprozess aus der Perspektive der Lernenden (im Gegensatz zu nicht mehr zeitgemäßen Inhalte- und Curriculum-zentrierten Ansätzen).

Was heißt Kompetenzorientierung konkret für mein Fach Katholische Religion?

Das Hessische Kerncurriculum für Katholische Religion8 unterscheidet sich der Normierung und empirischen Überprüfung weitestgehend entziehende überfachliche Kompetenzen (Personale Kompetenz, Sozialkompetenz, Lernkompetenz, Sprachkompetenz, vgl. Seiten 8-10) und fachliche Kompetenzbereiche (Wahrnehmungs-, Deutungs-, Urteils-, Partizipations- und Kommunikationskompetenz):

  • Im Fach Katholische Religion „werden mit Kompetenzen die Fähigkeiten und die ihnen zugrunde liegenden Wissensbestände bezeichnet, die für einen sachgemäßen Umgang mit dem christlichen Glauben, anderen Religionen und der eigenen Religiosität notwendig sind. Sie dienen gemeinsam dem Erwerb persönlicher religiöser Orientierungsfähigkeit.“ Es geht daher „nicht nur um ein Bescheidwissen über Religion und Glaube, sondern immer auch um die Ermöglichung von Religion und Glaube selbst“.
  • In der Sekundarstufe I entwickeln die Lernenden die Fähigkeit, die Frage nach Gott, nach der Deutung der Welt, nach dem Sinn und Wert des Lebens und nach den Normen für das Handeln des Menschen zu stellen und Antworten aus dem Glauben der Kirche zu reflektieren. Die Lernenden entwickeln die Fähigkeit, aus der Perspektive des katholischen Glaubens in Auseinandersetzung mit Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen eigenständige Entscheidung zu treffen.
  • Die Lernenden entwickeln die Fähigkeit, sich gegenüber Entscheidungen anderer verständnisvoll und tolerant zu verhalten.
  • Die Lernenden entwickeln die Fähigkeit, an religiösem Leben teilzuhaben und verantwortlich in Kirche und Gesellschaft zu
    handeln.
  • Die Lernenden entwickeln die Fähigkeit, solidarisch am Leben der Kirche über den eigenen Kulturkreis hinaus zu partizipieren.
  • Prägend für die Kompetenzentwicklung im Fach Katholische Religion sind neben evaluierbaren Kenntnissen und Fähigkeiten besonders folgende Haltungen: Wachheit für letzte Fragen, Lebensfreude, Dankbarkeit für das eigene Leben und die ganze Schöpfung, Sensibilität für das Leiden anderer, Hoffnung auf Versöhnung über den Tod hinaus, Wertschätzung des christlichen Glaubens.9

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Prozessmodell im Katholischen Religionsunterricht

Mir sind keine Veröffentlichungen bekannt, welche die explizite Umsetzung des Prozessmodells in die Praxis unternommen haben, mein Referendar Matthias Brüggemeier-Koch hat es unternommen, im Rahmen seiner Pädagogischen Facharbeit das Modell innerhalb einer Unterrichtssequenz „Gottes Geist befreit zum Leben“ in einer 7. Klasse zu erproben, sein Vorgehen, seine Erfahrungen und sein Resümee zur praktischen Anwendbarkeit des Prozessmodells werden in seinem Beitrag für #openreli am Mittwoch, den 23. Oktober 2013 Thema sein…

Schluss: Für mich sind aus dem Referenzrahmen und dem Prozessmodell viele Aspekte guten, d.h. wirksamem Unterrichts ableitbar. Auch die Beschreibung überfachlicher und fachlicher Kompetenzen im hessischen Kerncurriculum sind instruktiv. In ihrer Gesamtheit sind die Vorgaben jedoch derart komplex((Hier weiche ich von der These von Michalke-Leicht ab, kompetenzorientierter Religionsunterricht sei leicht umsetzbar – sein in der Online-Session vom 16.10.201310 umrissenes Verständnis von Kompetenzorientierung scheint mir auch weniger komplex.)), dass z.B. eine systematische Umsetzung der Spiral-Konzeption im Unterricht unter den gegeben Beschränkungen eines zweistündigen Nebenfachs für meine Begriffe eine Überforderung darstellt. Handhabbar wird die Herausforderung durch Unterstützungsangebote11 eine schrittweise bewusste Intensivierung und Erweiterung einzelner Aspekte und Schritte des Modells in den Unterrichtsalltag. Schnell wird so deutlich, dass Kompetenzorientierung in zentraler Weise mit der Lehrperson und ihrer Einstellung zu den jungen Lernenden zu tun hat: Ohne Zuwendung, Interesse, Trainerqualitäten, Geduld und Nachsicht geht es nicht. Ebenso nimmt die hessische Konzeptionierung der Kompetenzorientierung die jungen Lernenden mit ins Boot: ohne Lernbereitschaft, ohne Respekt für Personen und Inhalte und ohne die Bereitschaft, sich in diesen Lehr- und Lernprozess aktiv hinein zu investieren geht es nicht.




  1. Das Prozessmodell kommuniziert hier also auch mit dem Jean-Pol Martin geprägten „Lernen durch Lernen“, vgl. http://www.ldl.de  ///

  2. Hattie, Visible Learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement 2009, S. 25 ///

  3. vgl. http://lsa.hessen.de/irj/LSA_Internet?cid=33fe7358cfb02465e700cd71a0cf8eb8 – aktualisiert Ende 2011 ///

  4. Amt für Lehrerbildung (Hrsg.): Auf dem Weg zum kompetenzorientierten Unterricht – Lehr- und Lernprozesse gestalten. Ein Prozessmodell zur Unterstützung der Unterrichtsentwicklung, Frankfurt a.M. 2011 (Flyer); Bauch, Werner/Maitzen, Christoph/Katzenbach, Michael: Auf dem Weg zum kompetenzorientierten Unterricht – Lehr- und Lernprozesse gestalten. Ein Prozessmodell zur Unterstützung der Unterrichtsentwicklung, Frankfurt a.M. 2011, 3. – vgl. http://www.kou-hessen.de/wws/287062.php ///

  5. vgl. http://www.fritz-zaugg.com/Ausser/Lern_Foerderkreis.pdf  ///

  6. vgl. http://www.lerndialoge.ch/index.php/dialogisches_lernmodell.html und http://www.gallin.ch/DialogischesLernenSinusBayern.pdf  ///

  7. Vorbereitungspapier für Modulkonferenzen im der damals noch „Amt für Lehrerbildung“ genannten hessischen Lehrkraft-Ausbildungsamt ///

  8. vgl. http://verwaltung.hessen.de/irj/HKM_Internet?cid=9ac47f3484b40a67a678fd2f4ba49cdd ///

  9. Punkte entnommen aus „Bildungsstandards und Inhaltsfelder: Das neue Kerncurriculum für Hessen – Sekundarstufe I – Gymnasium – Katholische Religion“, Seite 11 ///

  10. VideoChatprotokollFolien ///

  11. Auch die Schulbuch-Verlage sind vor die Aufgabe gestellt, zur Herausforderung kompatible Lehrwerke samt ergänzender Differenzierungsmaterialien zur Verfügung zu stellen – Auch die Vernetzung von Lehrkräften zwecks gemeinsamer Materialentwicklung – dann als frei nutzbare Open Educational Resources – kann ein guter und wichtiger Schritt hin zu dieser Unterstützung sein. ///

Verfasst von Matthias Heil unter Verschiedenes, 2 Kommentare
Kleine Auswahl digitaler Feedback-Tools

Kleine Auswahl digitaler Feedback-Tools

Kleine Auswahl von Online-Tools
für Feedback- und Evaluationsprozesse

feedbackGuter Unterricht lebt wesentlich von der Bereitschaft der Lehrkraft Rückmeldungen der Lernenden wertschätzend entgegen zu nehmen, wohlwollend und vorurteilsfrei zu berücksichtigen und das daraus als denkbare Verbesserung Reflektierte umzusetzen. In der einschlägigen Literatur gibt es eine ganze Reihe von Verfahren, Methoden und Tipps dazu, besonders hilfreich für den Unterrichtseinsatz sind

    Wolfgang Endres und Moritz Küffner, „Feedback-Methoden“, in: Rhetorik und Präsentation in der Sekundarstufe I, Weinheim: Beltz, 2008, S. 24-38 und
    Johann Budniak und Susanne Oberreuter, Abschnitt “Feedback”, in: Schülerinnen lernen präsentieren, Klasse 5-11, Lichtenau: AOL, 2008, S. 30-34.

Nicht immer und schon gar nicht prinzipiell, aber dennoch in vielen Zusammenhängen können auch Online-Tools Feedback- und Evaluationsprozesse befördern. Stärken zeigen diese Tools in der Individualisierung und Verfügbarmachung der Beiträge der Lernenden sowie der Weiterarbeit. Dass sich durch diese Tools auch Papier oder andere Materialien sparen lassen, mag auch noch als Argument für deren Erprobung anführbar sein.

Auswahl- bzw. Qualitätskriterien für diese Tools sind Flexibilität, Bedienbarkeit, Kosten und Werbeeinblendungen. Tools, deren sinnvolle Nutzung Geld kostet, nur mit fragwürdigen Produkthinweisen zu haben sind, in ihrer Benutzerführung ein hohes Maß an IT-Kompetenz bzw. komplizierte, für Normalsterbliche schwer umsetzbare Zusatzinstallationen erfordern, scheiden deswegen aus. Falls ein LMS (Learning Management System), also z.B. eine Moodle-Installation samt administrationskompetenter Lehrkraft zur Verfügung steht, wird sicherlich das entsprechende Modul erste Wahl sein, auch auf Edmodo lassen sich nicht zu anspruchsvolle Feedback- und Evaluationsprozesse initiieren, jedoch lohnt der Einrichtungsaufwand in beiden Fällen m.E. nicht, wenn „nur“ evaluiert bzw. Feedback gegeben werden soll. – Letztlich führt das Flexibilitäts-Kriterium zu einer Präferenz, die aber natürlich subjektiv geprägt ist.

Hinweisen möchte ich nachfolgend in aller Kürze auf vier Tools, die im Bereich der genannten Kriterien punkten können: kwiqpoll.com, Socrative.com, GoogleDrive (genauer: Formular-Modul von dessen früher als „GoogleDocs“ bzw. „Text und Tabellen“ bekanntem Onlinedokument-Service) und SurveyMonkey.com.

Kwiqpoll.com besticht durch geradlinige Benutzerführung: Eine Frage und bis zu fünf Antwortmöglichkeiten werden (ohne jegliche Registrierungs-Hürde) eingetragen, die Verfügbarkeitsdauer der Umfrage auf drei oder sieben Tage eingestellt, eine lösbare Additionsaufgabe als Authentifizierung gelöst, dann erhält man einen Kurz-Link zu einer auch auf Mobilgeräten gut aussehenden Seite, auf der Lernende (cookie-gesteuert nur einmal) abstimmen können und dann direkt auf eine Ergebnisseite weitergeleitet werden, welche das Gesamtergebnis in optisch ansprechender Weise anzeigt. – Mit diesem Service können auch technophobe Lehrkräfte problemlos und spontan simple Online-Abfragen erstellen. Dass es nur eine Wahlmöglichkeit und auch nur eine Frage geben kann, für alle Lernenden Rechner zur Verfügung stehen müssen und keine freie Rückmeldung unterstützt wird, erweist sich jedoch für komplexere Vorhaben sehr schnell als starke Einschränkung.

Socrative.com erfordert eine Registrierung, bietet im direkten Vergleich mit kwiqpoll aber ein Vielfaches an Funktionalität. Der Service ermöglicht nicht nur Umfragen, sondern auch Tests und Spiele und versucht dabei vor allem die Mobilgeräte der Lernenden in Einsatz zu bringen, auf deren Darstellungsmöglichkeiten die Einrichtungs- und Abrufseiten zugeschnitten sind. Neben Multiple Choice- sind auch True/False-Fragen und Fragen mit freien Kurzantworten möglich, nach denen dann auch direkt auf eine sich automatisch aktualisierende Ergebnisseite weitergeleitet wird. Zeitlimitierte Quize, „Exit Ticket“ (Kurzabfrage am Stundenende) und das „Space Race“ im Angebot. Beim genaueren Hinsehen erweist sich dieses Angebot als didaktisierte Sammlung, da mit geringen Varianten stets auf dieselbe Funktionalität zugegriffen wird. Dennoch hilft der Katalog, schneller als bei anderen Angeboten zu Einsatzszenarien zu kommen und diese vorzubereiten. Alle Aktivitäten können daheim vorbereitet und nur bei Bedarf freigeschaltet werden, ein großes Plus stellt dabei das „Room“-Konzept dar: Lehrkräfte erhalten einen „Room“-Zahlencode, der von den Lernenden bei Aufruf der Seite http://m.socrative.com einzugeben ist. Die Lehrkraft schaltet dann nach eigener Anmeldung unter http://l.socrative.com die gewünschte Aktivität im eigenen Raum einmalig „live“ und beendet auch deren Bearbeitbarkeit. Es ist möglich, dass z.B. Smartphones (kostenfreie, stabil laufende Apps für iOS und Android stehen zur Verfügung) von mehreren Lernenden verwendet werden, so dass (bei Netzanbindung) auch außerhalb der Computerräume mit Socrative gearbeitet werden kann. Nach Abschluss der Aktivität kann sich die Lehrkraft ein Datenblatt im Excel-Format per E-Mail zustellen lassen, das dann auch eine flexible Weiterarbeit mit den Ergebnissen ermöglicht. – Einmal entwickelte Aktivitäten können immer wieder verwendet und auch der Socrative-Community zur Verfügung gestellt werden, die im Socrative Garden umfangreiche Tipps und Anleitungen anbietet. – Socrative wird von einem „team of educators, entrepreneurs, and engineers passionate about improving education“ entwickelt, ein Geschäftsmodell ist bisher nicht ersichtlich, es ist aber nicht auszuschließen, dass früher oder später bestimmte Teile des Services kostenpflichtig werden.

Die Nutzung von GoogleDrive erfordert einen kostenlosen Google-Account, der Interessierten die Tür zu einer Vielzahl von Tools öffnet, die im Unterricht mit Gewinn eingesetzt werden können. Hier interessieren ausnahmslos die Google-Formulare. Nach Anmeldung legt man auf der GoogleDrive-Startseite (die gleichzeitig die bereits angelegten bzw. zugänglichen Dokumente listet) über das rote Icon ein Formular an. Man landet direkt im auf den ersten Blick etwas spartanisch wirkenden Editor, der aber alles mitbringt, was man zur Erstellung eines Feedback-/Evaluationsbogens benötigt: Unbegrenzte Fragen und Antwortmöglichkeiten, Verändern der Reihenfolge per Drag & Drop, Frage-Typen (Text, Textabsatz, Auswahlfrage, Ankreuzen, aus einer Liste wählen, Skala, Raster), optionaler Hilfetext, optionale Pflicht-Markierung, Auswahl aus ca. 100 Formularseiten-Designs, Duplizierbarkeit der Einzelfragen. Am unteren Rand des Editors wird bereits ein Preview-Link für das Formular angezeigt. Nach Abschluss der Erstellung kann das Formular in einer Mail verschickt oder per (sehr langem und deshalb auch höchst unwahrscheinlich „zufällig“ auffindbaren, also vor Fremden relativ sicheren) Link weitergereicht werden (im Unterricht empfiehlt sich freilich ein URL-Kürzungs-Service wie z.B. bit.ly. – Die Formulare sehen in der Regel auch auf Mobilgeräten gut aus, können auch in andere Websites (z.B. die eines LMS oder Klassen-/Schulblogs) eingebettet werden. – Die Ergebnisse werden automatisch in ein für die formularausfüllenden Personen nicht sichtbares Online-Datenblatt eingefügt, das wiederum Sortier-, natürlich auch Export- und damit auch weitere Bearbeitungsmöglichkeiten bietet. – Das Killer-Argument für dieses Werkzeug ist die wie bei allen anderen GoogleDoc-Typen eingepflanzte Kollaborationsfunktionalität. Es ist ja kein Zwang, dass nur eine Lehrkraft einen solchen Bogen entwirft. In unserem Studienseminar will ein mutiges Team von Referendarinnen und Referendaren einen Online-Evaluationsbogen für den Premierenlauf eines neuen Moduls erarbeiten (dem verdankt sich auch dieser Beitrag). Auch in evaluationserfahrenen Schulklassen lässt sich so etwas vielleicht umsetzen – dadurch gewinnen Lernende u.U. auch neue Perspektiven und längerfristig vielleicht auch eine höhere Selbstverantworlichkeit für ihr Lernen.

SurveyMonkey.com verlangt eine Registrierung und bietet im kostenlos nutzbaren Grundpaket nur 10 Fragen für eine Umfrage und max. 100 Beantwortungen pro Umfrage. – Unbestreitbare Stärken liegen neben der deutschsprachigen Benutzerführung in der Vielfalt der 15 Fragetypen (z.B. Multiple Choice, Auswahlmatrix, Bewertungsskala, Textfelder, demografische Fragen), der guten Anpassbarkeit (z.B. Kommentarfelder, Zufallsanzeige oder sortierte Anzeige von Fragen, um Beeinflussung zu vermeiden, Festlegung erforderlicher Antworten, Änderung von Größe und Platzierung, Verzweigungslogik, Offline-Erfassung durch PDF-Export, Ein-Klick-Publizierung, Einladungswerkzeuge, Collector-Einschränkungen), der Ergebnisanalyse (z.B. Echtzeitergebnisse, benutzerdefinierte Berichte, benutzerdefinierte tabellarische und grafische Datenabbildungen, Kreuztabellen, Export in verschiedenen Standard-Dateiformaten, optionale und benutzerdefinierte Ergebnispublikation ohne Kontofreigabe). – SurveyMonkey bietet das mit Abstand umfangreichste Feature-Angebot, die meisten dieser Funktionen sind im kostenlosen Paket nutzbar, die o.g. quantitativen Einschränkungen dürften für den Unterrichtseinsatz auch kein Problem darstellen. – Umfragen können mehrmals an einem Rechner bearbeitet werden, die Seiten sehen auch auf Mobilgeräten gut aus. Ein nicht zu unterschätzender didaktischer Vorteil gegenüber kwiqpoll ist, dass nach Bearbeitung der Umfrage nicht gleich auf die Ergebnisseite weitergeleitet wird, sondern zunächst nur die Lehrkraft Einblick in die Ergebnisse hat. Freilich ist eine gewisse Gewöhnungs- und Einarbeitungszeit erforderlich, dafür hat man hier ein sehr mächtiges Werkzeug in der Hand, womit sich auf komfortable Weise in allen erdenklichen Einsatzszenarien agieren lässt. – Um das Gros der Alleinstellungs-Features von SurveyMonkey auszureizen (Details), muss man 25 Euro pro Jahr zahlen, was für viele Lehrkräfte trotz der Leistungen eine hohe Hürde sein dürfte. Schul-Accounts werden zwar nicht explizit erwähnt, das „Gold“-Paket für auf alle Fachschaften umgelegte 300 Euro wird sich für Schulen, die ihren Lehrkräften diese Variante der Evaluation ermöglichen wollen, aber dennoch lohnen.

Auch wenn SurveyMonkey ein sehr viel umfangreicheres Funktionspaket schnürt, ist aufgrund der Kollaborationsoptionen, der uneingeschränkten Frage- und Antworten-Items für mich GoogleDrive der klare Favorit, aber da darf man natürlich gerne auch zu anderen Ergebnissen kommen: Eine allgemeine Empfehlung lässt sich – wie schon angedeutet – kaum formulieren, da die Anforderungen bzw. Erwartungen an ein solches Tool doch sehr unterschiedlich gestellt sein werden.

Vielleicht erleichtert dieser Überblick ja etwas die Orientierung im zunehmend unübersichtlichen Webservice-Dschungel, evtl. beflügelt er gar zur Erprobung eines der besprochenen Online-Tools.

Verfasst von Matthias Heil unter Slider, Verschiedenes, Kein Kommentar