Vergewisserung kurz vor Jahresschluss

Vollbildaufzeichnung 29.12.2013 182320-001

Angestoßen durch diese nette und mich ob der Ehre etwas erröten lassende Facebook-Anfrage von Franziska Fröhlich sei hier die Gelegenheit genutzt im Sinne einer Vergewisserung ein paar Creeds zusammenzustellen… ich freue mich über Reaktionen!

1. Seit wann setzen Sie Neue Medien im Religionsunterricht ein und um welche Medien handelt es sich dabei? – Der Begriff „Neue Medien“ ist heute eigentlich nicht mehr haltbar, denn die damit einst etikettierten Technologien und Gerätschaften sind heute in keinerlei Hinsicht mehr „neu“. Musikvideos, Webrecherche und die Nutzung technik-gestützter kreativer Werkzeuge gehört von Anfang an, also seit meinem Referendariat, das 1997 in Marburg begann, zum Repertoire. E-Mail, Blogging und die Nutzung sozialer Netzwerke traten nach und nach als breitere Kommunikation und Diskussion ermöglichende Elemente hinzu, welche halfen die engen Wände des Klassenraums durchlässig zu machen.

2. Welche Zwecke verfolgen Sie damit? Geht es Ihnen vornehmlich um die eigene Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die Organisation von SchülerInnen-Leistungen, Hausaufgabenstellung etc. oder setzen sie auch im Unterricht selber e-Learning-Phasen ein?) – Ich möchte Lernende auf möglichst abwechslungsreiche Weise anprechen, interessieren und motivieren, sie im besten Sinne dazu „ver-führen“ sich in etwas hineinzudenken was auch jenseits ihrer eigenen Interessen und Erfahrungen liegt – und Werkzeuge an die Hand geben, welche sie befähigen, eigene Erkenntnisse darzustellen und zu kommunizieren, idealerweise dabei auch Netzwerken zu lernen mit vermeintlichen ExpertInnen und anderen Menschen, die sich mit ebendiesen Themen beschäftigen. – Selbstverständlich: Unterrichtsvorbereitung ohne Computer, Internet, systematisches Kuratieren professionell relevanter Webfundstücke, vor allem aber ohne das dank Twitter, Facebook und Google+ über Jahre aufgebaute PLN (Private Learning Network) kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.

3. Wo sehen Sie aus ihren Erfahrungen heraus die Vorteile von e-Learning im Religionsunterricht? Empfinden Sie etwa Ihre Schülerinnen und Schüler im Kontext von e-Learning-Arrangements motivierter und interessierter? – Mit dem Begriff „e-Learning“ verbinde ich eine gegenüber den hier formulierten Anwendungs-Szenarien eine eher restriktive und frontalisierte Lernweise, welche mir pädagogisch wie didaktisch problematisch erscheint, falls sie ausnahmslos oder auch nur überwiegend die Aufnahme von Informationen bezeichnet, die von einer Software oder einem am Bildschirm abgebildeten Instruktionsmodell im besten Falle mit ansatzweise interaktiven Elementen geleistet werden soll. – Natürlich haben technische Gadgets auch einen oberflächlich motivierenden Effekt, aber der nutzt sich ja schnell ab. Junge Lernende schauen zwar etwas ungläubig, wenn sie einen über das kabellos mit einem Beamer verbundenen Smartphone und Bluetooth-Box dargebotenen Filmclip sehen, aber die eingesetzte Technik hat selbstredend nur beschränkte Folgen für das Interesse der Jugendlichen am Inhalt des Films. – Ich halte es sehr gerne mit Chris Lehmann: “Technology should be like oxygen: ubiquitous, necessary, and invisible.” (vgl. http://www.youtube.com/watch?v=RUWzQYLqLLg ). So lange das Werkzeug bzw. das Lern-Setting den Inhalt dominiert, ist diese Devise sicherlich nicht eingelöst.

4. Wo sehen Sie die Grenzen von e-Learning im Religionsunterricht? Glaube/Religiosität ist an sich ja nicht lehr-/lernbar, aber gibt es ansonsten noch Nachteile oder Grenzen, die Ihnen während ihrer Arbeit begegnet sind? – Mehr noch als in naturwissenschaftlich ausgerichteten Fächern haben wir es im RU mit Inhalten, Fragen und Überzeugungen zu tun, die diskutierbar, kommentierbar, kreativ neu ausdrückbar sein müssen, wenn sie eine Zukunft haben sollen. In diesem Sinne haben Medien eine der Auseinandersetzung dienende Funktion. Diese Auseinandersetzung muss meiner Ansicht nach die Vorzüge der noch normalen Präsenzzeit-Schule nutzen, d.h. die im Klassenraum vorhandenen Gesprächspartnerinnen und -partner als erste Teilnehmende an kommunikativen Prozessen anzapfen. Der direkte Austausch, das gemeinsame Nachdenken und Entschlüsseln in Echtzeit und ohne Überarbeitungsmöglichkeit sind für mich wesentliche Bestandteile des nachhaltigen Lernens. Freilich können Skype und – noch besser – Hangouts auch ortsferne Gegenüber ermöglichen, die Erfahrung von Unmittelbarkeit, von räumlicher Nähe wird dabei aber auch bei (nicht immer gegebenener) stabiler Netzanbindung bisher nur emuliert. – Kurzum: Grenzen eines auch etwas weiter gefassten „e-Learning“ sind die Qualität des Kommunikations- und Verarbeitungsprozesses.

5. Vielleicht haben Sie sonst noch weitere Anmerkungen oder Tipps hinsichtlich e-Learning-Arrangements im Religionsunterricht? – Ganz im Sinne des eben zitierten Chris Lehmann muss Technologie einen Sinn befördern, ein Problem lösen helfen, dem wie auch immer – idealerweise offen – gefassten Inhalt also zu dienen statt schon in der Bedienung hinsichtlich Zeit- und Aufmerksamkeitsressourcen der jungen Lernenden zur Konkurrenz des eigentlichen Themas zu werden. Technologie muss „unsichtbar“ in diesem dienenden Sinne sein um dem Lernprozess zuträglich zu sein. – Im Bereich der Themenfindung und Differenzierung haben Web-Recherche-Kompetenzen einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert: Lernen sollte im besten Sinne „on demand“ und am spezifischen Interesse des bzw. der als Individuum gedachten und ernst genommenen Lernenden orientiert sein. Lernen ist dann nachhaltig, wenn Lernende ihre eigenen Fragen finden und Freiheitsraum eingeräumt bekommen, diesen spezifischen Problemen nachzugehen. Sofern der Einsatz von Technologie diesem Ideal verpflichtet ist und auch Lehrende eine bisher nicht überall so wahrgenommene Rolle als Lerncoaches und nicht selten auch als Mitlernende auszufüllen bereit und in der Lage sind, sehe ich ein solches Arrangement als aussichtsreich bzgl. eines Lernfortschritts – auch im Religionsunterricht.

6. Erfordert Ihrer Ansicht nach der Einsatz von e-Learning eine spezifische Didaktik? – Hier wird das „necessary“ aus Lehmanns Zitat interessant. Technologie darf in den geisteswissenschaftlichen Fächern kein Selbstzweck sein. Bei jedem Vorhaben ist kritisch zu prüfen ob es nicht effektivere, ggf. auch weniger aufwändige Alternativen gibt. Hilfreich ist zumindest bei der Entwicklung eines eigenen Lehrstils im Umgang mit Technologie eine Taxonomie, welche die Leistungsmöglichkeiten einzelner Tools präzise bestimmen hilft. Einen sehr attraktiven Versuch hat vor kurzem Peter Baumgartner unternommen (Taxonomie von Unterrichtsmethoden, Waxmann 2011). Wie bereits deutlich geworden ist, kann man Technolgie nicht unabhängig vom eigenen Verständnis von Lernen diskutieren. Sehr viel gelernt (vor allem loszulassen von Stoffkatalogen und penibler Lehrplan-Pflichterfüllung) habe ich von Lisa Rosa. – Ein dritter Aspekt, der den weiter oben angesprochenen Kommunikationsprozess aufgreift, sind kooperative Lernformen. – Eine spezifische Didaktik könnte sich aus diesen Quellen speisen, wird aber – nimmt man die nicht stehen bleibende Entwicklung im technischen Bereich ernst – auf lange Zeit nur einer von experimentierfreudigen Lehrkräften und wissbegierigen Lernenden abgesteckten Realität hinterherhumpeln können.

7. Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sind für e-Learning von seiten der Schule und Lernenden zu erfüllen (abgesehen von der technischen Ausstattung)? – Ich bin glühender BYOD-Befürworter. „Bring Your Own Device“ bedeutet, dass primäre Aufgabe der Schule nicht die Ausstattung der Lernenden mit Geräten ist, sondern mit einem stabilen und schnellen Netzwerk, in dem sie mit ihren laut aktueller JIM-Studie ohnehin schon flächendecken vorhandenen Mobilgeräten aktiv werden können. Benachteiligungs-Argumente überzeugen mich nicht, wenn stellenweise keine Geräte vorhanden sind ist dies methodisch (oder aus dem Fundus der Schule) auffangbar. Die Bereitstellung dieser Netzanbindung, das Modellieren sinnvollen und verantwortungsvollen Umgangs damit, die Organisation von Apps und einer Lernplattform wie Edmodo oder notfalls auch Moodle gehört ebenso zu den angefragten Rahmenbedingungen wie eine transparente Kommuniktation mit Eltern und eine verlässliche Infrastruktur für Not- und Missbrauchsfälle – Cybermobbing ist in den letzten Jahren ja leider zu größerer Bekanntheit gelangt, jede Schule braucht eine scharfe Waffe um in derlei Fällen effektiv agieren zu können. – Besonders betonen möchte ich die Lehrenden, ohne deren Bereitschaft sich nicht viel bewegen lassen wird. Eine unabdingbare Rahmenbedingung ist aus meiner Sicht eine systematische und fachbereichsgebundene Schulung der Lehrkräfte, eine im Sinne des didaktischen Doppeldeckers aufgeräumte Fortbildungskultur (in der e-Learning eine größere Bedeutung haben kann als im Unterricht). Angebote wie das Marburger VZL sind hervorragend geeignet, wichtige Grundlagen zu legen. Momentan gibt es dort beispielsweise einen für hessische Studierende und Lehrende kostenlos nutzbaren Kurs „Medienkompetenz im Referendariat“.

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1 Kommentar

  1. Lieber Matthias,
    ich kann nur zustimmen. Es muss darum gehen, die Möglichkeiten des vernetzten Lernens nicht mehr als etwas Spezielles neben anderen Lernmöglichkeiten zu begreifen, sondern als das Normale und Selbstverständliche. Was es zu lernen gilt, sind weniger die Techniken als mehr die Möglichkeiten der Partizipation – für mich selbst und als Teil verantworlichen Handelns für andere. Und damit ist es Teil, eines zutiefst ökumenischen Lernens (ich kann es nicht lassen, hier einzubringen).

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