RU-Lehrkräfte: Sind wir nicht alle ein bisschen Elite?

Religionslehrkräfte seien die neue Elite innerhalb der katholischen Kirche, so der missionserfahrene Religionslehrer und Theologiestudent Dario Hülsmann von der kath.de-Redaktion dieser Tage. Überschrift und einige Annahmen des Kommentars erscheinen mir dabei durchaus diskutierbar…

Der Grundthese des Kommentars

Die Religionslehrer sind so zunehmend Erstverkünder eines Evangeliums, das den Schülerinnen und Schülern fremd ist.

ist durchaus zuzustimmen, mit Blick auf die beiden schon über Jahrzehnte mehr oder weniger stark versiegenden Überlieferungsmilieus Familie und Gemeinde ist diese Situation auch nicht unbedingt neu. In Verlautbarungen1 und Konferenzen2 wird schon lange darüber diskutiert, wie auf diesen Umstand zu reagieren ist.

In seinem Kommentar gibt Dario Hülsmann nun folgende Antworten:

Religionslehrer müssen als Überzeugte einen Bogen spannen können von der Religion in den Lebensalltag, wenn das Fach nicht zur abstrakten Religionskunde werden soll, in der alles außer dem persönlichen Glaubenskontext behandelt wird

Ein Religionslehrer ist immer auch persönlich angefragt, wie er sich zu den Inhalten, die er lehrt, persönlich positioniert. […] Ohne die religiöse Begegnung bleibt Religionsunterricht beim Aufklären über Religionen stehen und weit hinter der Idee des Reifens innerhalb der eigenen Konfession zurück.

Um im Religionsunterricht ihren Glauben bezeugen zu können, müssen Religionslehrer Glaubenspraxis und Spiritualität für ihr Berufsleben mitbringen.

RU-Lehrkräfte müssen Glauben und Lebensalltag verbinden, sich persönlich positionieren, religiöse Begegnung ermöglichen und auf dem Fundament von Glaubenspraxis und Spiritualität ihren Glauben im RU bezeugen können.

Diese Forderungen entsprechen dem, was in kirchlichen Dokumenten seit vielen Jahren gefordert wird3 und stellt m.E. auch keine prinzipielle Überforderung der Bewerberinnen und Bewerber um diesen Beruf bzw. diese Berufung dar.

Ein bisschen mulmig wird mir zwar schon, wenn der RU als Rekrutierungsrevier für die Kirche instrumentalisiert zu werden droht, da dadurch Übergriffigkeit des RUs als Schulfach bzw. Vorwürfe der Indoktrination und/oder Manipulation näher rücken können – aber in diese Richtung geht Hülsmanns Kommentar auch gar nicht.

Stattdessen schaut er im Rahmen der Ausbildung von RU-Lehrkräften nach Unterstützungsmöglichkeiten zur Erfüllung der erhobenen Ansprüche. Der akademische Bereich wird dabei aber unverzüglich ausgeschlossen, vielmehr stünden “die Religionsgemeinschaften” in der Verantwortung:

Die Universitäten und theologischen Fakultäten können diese Einführung in den Glauben nicht leisten. […] Stattdessen sind die Religionsgemeinschaften selbst dafür verantwortlich, ihr Schlüsselpersonal mitauszubilden. Investitionen in diesem Bereich könnten sich bezahlt machen.

Das System des moralischen Pflichtenkatalogs, nach dem angehende Religionslehrer und -lehrerinnen aktuell bewertet werden (keine wilde Ehe, keine ungetauften Kinder) muss einem System der Wertschätzung und Förderung weichen (Exerzitien, geistliche Begleitung, Inklusion in kirchliche Räume).

Der moralische Pflichtenkatalog erscheint auch mir etwas überkommen, gegen Wertschätzung und Förderung kann kein Mensch etwas haben. Zumindest die Wertschätzung nehme ich persönlich auch von Anfang an in vielen Begegnungen wahr, vor allem von Menschen, denen die religiöse Erziehung ihrer Kinder nicht gleichgültig ist. In gewissem Sinne ist das ja auch eine motivierende Förderung.

Den Situations- und Anforderungsbestimmungen Hülsmanns folge ich bis zu diesem Punkt mit den wenigen genannten Einschränkungen gerne.

Komplizierter wird es nun mit dem Gedanken der kirchlichen Investitionen im Zusammenhang mit der Ausbildung von RU-Lehrkräften. Dabei soll es ja um das gehen, was an der Universität angeblich nicht geboten werden könne, Hülsmann umschreibt dies zusammenfassend mit einer “Einführung in den Glauben” einem “Raum, in dem Glauben entdeckt und vertieft” werden kann. Konkretisierend werden dann (s.o.) Exerzitien, geistliche Begleitung und Inklusion in kirchliche Räume genannt. Dieses Programm soll fördern und fordern, d.h. RU-Lehrkräfte durch derlei ggf. auch verpflichtende Maßnahmen auf ein Bekennen-Können im Klassenraum i.S. des weiter oben Gesagten vorbereiten bzw. dafür fit halten.

Vielleicht ist die Situation im Bistum Fulda ja außergewöhnlich, aber hier wird doch allerhand von dem Geforderten und Empfohlenen umgesetzt: Schon während des Lehramtstudiums und des Referendariats gibt es – sofern die Studierenden bzw. Refrendarinnen und Referendare es wünschen – stetigen Kontakt und Informationen zu Veranstaltungen und Arbeitskreisen, vieles davon ist sogar kostenlos nutz- und besuchbar. Darüberhinaus gibt es an jeder Schule einen Fortbildungsetat, die Fachschaften können ihren Bedarf selbst formulieren, Experten buchen und auf diesem Weg kostenlos oder mit zumutbarem finanziellen Aufwand die empfohlenen Maßnahmen ergreifen.

An dem Begriff der “Elite” aus der Überschrift des Kommentars nehme ich Anstoß, zumal er in dem Beitragstext an sich nicht weiter ausgeführt wird4: Ich habe ein stattliches Gehalt, das mir die Teilnahme an Fortbildungen ermöglicht, ich möchte die mir auch selber aussuchen können, außerdem empfinde ich mich auch in keinster Weise in einer elitären Position: “Elite” kommt von lat. electus, ausgelesen, und bezeichnet lt. Wikipedia “eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen […] oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise […] einer Gesellschaft.

Wie kann man aber zum zeitgemäßen Bekenntnis “qualifiziert” werden? Hat es derlei Ausbildung schon jemals gegeben? Ist eine überzeugende Persönlichkeit und ein authentischer Glaube auf Seminaren trainierbar? Der Elite steht per Definition die Masse gegenüber, was hier aber auch nicht zutrifft: Umgang mit Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, pflegen Menschen jeden Alters und aller Beschäftigungsfelder, warum sollten diese denn nicht noch mehr Anspruch auf eine solche Förderung haben?

Auch wenn man den Klassenraum im Sinne von Papst Franziskus sicher als “Rand” der Kirche verstehen kann, hat kirchliches Vermögen sicher noch drängendere Einsatzgebiete als das spirituelle Fortbildungsprogramm i.d.R. gut verdienender Lehrkräfte, liegt es doch vor allem an diesen selbst, Oasen und Lebenslinien in die Kirche und ihre Reichtümer hin zu erschließen und zu pflegen. Für mich selbst sind dies neben dem Versuch einer glaubwürdigen, mehr oder weniger kritisch reflektierten Lebensführung der Besuch der kostenlos oder günstig zugänglichen Quellen Liturgie, Meditation, Gebet und Lektüre.

Kurzum: Weder meine Situation noch meine Bedürfnisse sind elitärer geprägt als die aller mir bekannten Christinnen und Christen, die ihren Glauben würdig und bewusst zu leben versuchen – sind wir nicht alle ein bisschen Elite?5





  1. vgl. z.B. die Suchergebnisse zu “Religionsunterricht” auf DBK.de  ///

  2. vgl. z.B. bkrg.de  ///

  3. vgl. z.B. die Erklärung “Zur Religiosität des Religionslehrers” von 1987, leider nicht im PDF-Angebot der DBK  ///

  4. Rätselhaft sind auch die Anführungszeichen der Überschrift, denn selbst wenn es ein Zitat sein soll, wird auch dieses im Text nicht zugewiesen oder anderweitig kontextualisiert. ///

  5. Bild: “Old Chalk Old Chalkboard” von Taran Rampersad Follo auf FlickrBeitragsbild in voller Auflösung ///

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