Religiöse Elemente in Margaret Atwoods “The Handmaid’s Tale”


Anlässlich der mit viel Kritikerlob gestarteten Hulu-Serie “The Handmaid’s Tale” nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Atwood hier – sozusagen als Relikt aus der Vergangenheit – meine Erste Staatsexamensarbeit zu dem, was mir vor über 20 Jahren als religiöse Elemente des Romans erschien. Leider wird die Serie in Deutschland noch nicht im Stream angeboten, die Wartezeit lässt sich für alle Interessierte aber mit dieser Lektüre gestalten. Dem hier gegebenen Abschnitt “Synthese” folgt die PDF-Fassung der Gesamtarbeit.


Synthese: Religiöse Elemente in Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale

“The works of Margaret Atwood are mines of many levels. Although characterized on the surface by clarity and accessability, they often suggest ambiguous possibilities” – Diese Beobachtung von Susan Maclean gilt in besonderer Weise für The Handmaid’s Tale. An der Oberfläche ist Margaret Atwoods Roman spannend und kurzweilig, er bietet überraschende Wendungen und Probleme, die die Stasis des Alltags stören, und fesselt so die Aufmerksamkeit der Leser. Unter der Oberfläche dieser nach Atwoods eigenen Begriffen „good fiction” jedoch eröffnen sich vielfältige Ansätze für Deutung, Interpretation und Verständnis des Science Fiction. Einer dieser Ansätze, die Untersuchung der religiösen Elemente des Romans, wird in dieser Arbeit verfolgt.

Im ersten Hauptteil werden die expliziten religiösen Verweise zusammengetragen, mit ihren biblischen Vorlagen verglichen und auf Atwoods Aussageabsicht hin untersucht. Als Hauptziel der Verfasserin wird die Kritik am Fundamentalismus allgemein, im Besonderen an seiner nordamerikanischen Ausprägung identifiziert. Durch die Mittel der Karikatur, Satire und Parodie zerstört Atwood seine Kernüberzeugungen und entlarvt so sein als Freiheit maskiertes faschistisches politisches Potential. Gleichzeitig klagt Atwood eine Religion an, die in Äußerlichkeiten erstarrt ist und aufgrund ihrer Unbeweglichkeit einem System, welches das jüdisch-christliche Gründungsdokument als Gesetzbuch eines Unrechtsstaates missbraucht, nichts mehr entgegenzusetzen hat bzw. keine subversiven Energien mehr aufbringen kann oder will.

So wie Atwoods Roman eine „Satire des Missbrauchs der Religion” ist, so feiert er doch auch gleichzeitig einen „unauslöschbaren religiösen Geist” und eine Welt, in der „Gott immer noch existiert”. Diese positive Religiosität wird im zweiten Hauptteil dieser Arbeit erschlossen. Zahlreiche Anleihen aus der gesamten Religionsgeschichte ergeben eine Religiosität, die grundsätzlich auf Dialog und Gemeinschaft, nicht auf die Wahrung einzelner fester Glaubenswahrheiten und Abgrenzung hin ausgelegt ist. Bestandteile dieser in Offreds Bericht eingeschriebenen Religiosität sind Friedfertigkeit, Mitleid, Leben/Überleben, Kommunikation, Ehrlichkeit, Versöhnung, Bejahung der eigenen Schwächen usw. — Trotz der vielen außerchristlichen Bezüge erweist sich das Christentum als vorrangiger Kontext dieser Spiritualität von unten.

The Handmaid’s Tale entzieht sich den klassischen Definitionen christlicher Literatur. Die Vielfalt der religiösen Thematik kommt nicht in den Blick, wäre beispielsweise die Schlüsselrolle der Auferstehung Christi das Kriterium der Lektüre. Die Religiosität des Romans sieht aber doch in maßgeblichem Bezug zu den Ursprüngen und Grundlagen des Christentums. Dabei ist es jedoch nicht genuin christliches Kerygma, das reflektiert wird. Vielmehr werden die Verheißungen und moralisch-ethische Aspekte der christlichen Botschaft radikal einem Realitätstest unterzogen und bisweilen ihrer Anwendbarkeit im Überlebenskampf Offreds entsprechend modifiziert. Dem fundamentalistischen Schriftverständnis Gileads stellt Atwood ein ebensolches entgegen, jedoch eines mit einer anderen, befreiungstheologisch gewendeten Hierarchie: In der Religiosität von The Handmaid’s Tale stehen die Seligpreisungen und die paulinische Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe an der Spitze und geben dem Ganzen die Prägung.

Die Religiosität dieses Werks ist auch in seine Schreibweise, seine literarischen Formen und Strukturen eingezeichnet. Es ist eine Religiosität, die grundsätzliche menschliche Erfahrungen zum Ausgangspunkt des Nachdenkens und Deutens macht und die Vielfalt der Wirklichkeit abtastet. Die Stimme von Atwoods Protagonistin konstruiert kein geschlossenes System, sondern beschreibt Fragmente der Wirklichkeit. Ihr geht es nicht um das Bekenntnis, sondern um die Andeutung von dem, was zu glauben möglich ist, und das Befragen und Deuten von Wahrnehmungen. Die Religiosität von The Handmaid’s Tale ist geprägt von dieser Suchbewegung, von dem Wissen um Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit. Es ist eine Religiosität, die sich an einer literarisch entworfenen Lebenswelt entzündet, in der es Erfahrungen des Todes, der Liebe, der Fremdheit, der Schuld, der Heimatlosigkeit und die Sehnsucht nach einem Zusammenhang gibt. Das Sehen und Deuten und das Zusammenfügen von Erfahrungssplittern gibt einer tastenden, undogmatischen, um Wahrhaftigkeit ringenden Religiosität Ausdruck.

In dem Zusammenfügen von Erfahrungssplittern und ihrer unverbindlichen Deutung artikuliert sich eine Wahrnehmung der Wirklichkeit, die die Wahrheit und den Sinn des Lebens immer wieder neu erfragt und notwendigen „mental gymnastics” nicht ausweicht. Die kontinuierlich ansteigende Zahl von Widersprüchen und Brüchen weist sowohl auf eine Scheu hin, Letztes und Verbindliches auszusagen, als auch auf das Bemühen, die Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit in den Blick zu bekommen.

Die Religiosität von The Handmaid’s Tale kommt in Fragmenten, Bruchstücken, Erinnerungen und geistigen Notizen zum Ausdruck. Die Leserschaft wird nicht mit feststehenden Überzeugungen konfrontiert, sondern nimmt vielmehr an einem Deutungsprozess teil. Der Roman stellt nicht nur Christen, sondern uns allen unbequeme Fragen: Können wir die Liebe, die Weisheit und den Verstand aufbringen, Atwoods furchtbare Zukunft zu vermeiden? Wieviel Vergebung brauchen wir und wieviel brauchen unsere Mitmenschen? — Seine Erfüllung findet die Prophetie Offreds erst dann, wenn sie ihre Zeugen zu Propheten ihrer Zeit macht. Die Stärke dieser fragmentarischen literarischen Struktur und dieser Sprache kann vieles sagen, was eine volltönende Sprache christlicher Rechtgläubigkeit nicht ausdrücken kann. Sie kann Spannungen, Ungereimtheiten und Brüche artikulieren, die ein wichtiger, vielleicht sogar entscheidender und grundlegender Teil religiösen Erlebens sind. Sowohl Widersprüchen als auch Wünschen und Hoffnungen gibt diese Sprachgebung Raum. Diese Arbeit will auch eine Werbung für eine solche Sprache des Glaubens sein, die nicht über die Deutlichkeit und Abgesichertheit dogmatischer Aussagen verfügt, aber den Zwischentönen der Realität und dem, was zu glauben möglich ist, Ausdruck geben kann. Es ist eine Sprache, die Zweifel erlaubt, bruchstückhafte Erkenntnis, ein immer wieder neues Suchen, Momente der Gewissheit, Ungewissheit und Offenheit.

In der Mitte Gileads fließt der Jabbok, und am Jabbok ist es bekanntlich zum Ringkampf zwischen Gott und Jakob gekommen. Zu allen Zeiten haben Menschen mit Gott gerungen und zu allen Zeiten sind Menschen mit dem Leben davongekommen. Auch im Zukunftsstaat wird noch mit Gott gerungen, und auch im Zukunftsstaat kann man noch mit dem Leben davonkommen. Wer Ohren hat, der höre.



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