Moodle: Zwischen Idealismus und Realität

Die Moodle Headquarters im australischen Perth haben einen sehr gut aussehenden Clip zu dem kostenlos erhältlichen LMS-Skript veröffentlicht. Darin werden folgende – nicht ganz neue – Aussagen getroffen:

  • Moodle ermögliche es Lehrkräften, ihre eigene private Website einzurichten.
  • Auf der Website könnten dynamische Kurse angelegt werden.
  • Diese Kurse dienten der Verlängerung der Lernzeit “anytime” und “anywhere”.
  • Moodle sei kostenlos auf dem eigenen Server installierbar oder könne von einem “Moodle Partner” eingerichtet werden.
  • Man könne sofort loslegen, “easily” Lernkurse anzulegen.
  • Dabei könnten “hundreds” eingebauter Features genutzt werden, z.B. um eigene Inhalte upzuloaden, bewertbare Aufgaben und Tests anzulegen, kollaborative “Activities” wie Foren, Wikis und Glossarien zu ergänzen etc..
  • Online-Learning werde auf diese Weise “scalable, effective and fun”.
  • Da Moodle Open Source sei, gebe es eine “huge variety” von Plugins und auch die Möglichkeit, eigene Wunsch-Features zu entwickeln.
  • Mit mehr als 10 Jahren Entwicklungsarbeit sei Moodle “robust” geworden.
  • Finale Botschaft: Moodle – “Powerful free tools to help you educate the world.”

So schön und professionell der Clip auch wirkt, stellen sich mir angesichts dieser Aussagen eine Reihe von Fragen.

Dürfen Lehrkräfte in Deutschland so etwas machen? – Junge Lernende auf eine rein private Lernplattform einzuladen, die auf dem Server einer Lehrkraft installiert ist, ist in Zeiten, in denen schon Facebook-Gespräche zwischen Lehrenden und Lernenden problematisch erscheinen, sicher nicht ohne weitere Rücksprache mit der Schulleitung möglich. Als Vater wäre mir auch bei aller Offenheit gegenüber Online-Lernen auch etwas unwohl, wenn mein Kind “anytime” und “anywhere” mit mir vielleicht nicht immer vertrauten Lehrkräften kommuniziert. Die bei konsequenter Onlinearbeit anfallenden Verlaufs- und Leistungsdaten, die dann unter Umständen auch in die Zensur eingehen, stellen ein weiteres, diesmal datenschutzrechtliches, Problem dar, dürfte es der Lehrkraft doch zu beweisen schwerfallen, erstere nicht gezielt zu nutzen und letztere zweifelsfrei von den jungen Lernenden erstellt werden.

Ja, Moodle ist Open Source und Moodle bietet schon ohne Modifizierungen zahlreiche Funktionen (auch wenn es nicht gerade “hundreds” sind, wie es im Clip behauptet wird). Dass man direkt loslegen kann, erscheint aber auch heute noch fragwürdig – zumindest was Kolleginnen und Kollegen ohne oder nur mit rudimentären Administrations- und Skript-Umgangs-Kompetenzen angeht. Die Robustheit des Systems ist verknüpft mit regelmäßiger Update-Pflege, die Anbindung von Erweiterungen überfordert nicht selten Menschen, die keine Nerds sind.

Moodle erfordert eine erhebliche Zeitinvestition bis man mit dem System klar kommt – Zeit, welche Lehrkräfte dann nicht mehr mit der Erstellung eigener Materialien füllen können, welche sie dann in die Kurse einpflegen sollen. “Moodle Partner” lassen sich – völlig zu Recht – ihre Dienste meistens vergüten, so dass der Abstand von “free” in gewisser Weise mit über das Grundpaket hinauswachsenden Begehrlichkeiten korreliert. Von mancherlei Unverträglichkeiten, Aktualisierungs- und Geschwindigkeitsproblemen sowie der immer noch offensichtlichen Unterlegenheit einiger Moodle-Module gegenüber kostenlos nutzbaren Webservices soll gar nicht erst groß die Rede sein.

Das LMS ist eine geschlossene Plattform, d.h. nicht registrierte Lernenwollende bleiben draußen. Das ist für jüngere Schülerinnen und Schüler im Sinne eines geschützten Raumes gut und hilfreich, besondere Motivation und auch einen ganz anderen Horizont für Lernaufgaben bietet jedoch erst die Öffnung von Lernplattformen nach außen bzw. ins Web. Natürlich sind über Embeds Schleusen da, aber z.B. bei der Suche nach Kommunikation mit Expertinnen und Experten zu einem Thema sind im Grundpaket bzw. ohne größere – wiederum zeitintensive – Basteleien bald Grenzen erreicht.

Das größte Problem habe ich aus praktischer Sicht mit der Lernzeit-Verlängerung. Das hat bei meinem Experimentieren vor ein paar Jahren schon nicht wirklich gut geklappt, der Erfolg der wenigen Lernenden, welche die Ergänzungs- und Vertiefungsangebote annehmen können bzw. wollen, steht m.E. in keinem gesunden Verhältnis zur Entwicklung und Einpflege dieser Materialien (sofern diese nicht nur in ein paar Links und einem Satz mehr oder weniger herausfordernder Multiple Choice-Fragen bestehen). Die Unterrichtsrealität vieler verschiedener Fächer, Hausaufgaben, Nachmittagsunterricht, vielleicht auch noch dem Luxus eines Hobbys oder Vereins, passt nicht zusammen mit der Vorstellung, dass ein einmal zusammengestellter Moodle-Kurs Wissens- und Leistungslücken zu stopfen oder gar “to educate the world” imstande ist.

Fazit: Der Clip sieht gut aus, mit der Realität und der Umsetzbarkeit bleibt es aber schwierig.

Mich interessiert, welche Erfahrungen in deutschen Klassenzimmern (und darüber hinaus) mit Moodle gemacht werden, wie die rechtlichen Fragen geregelt sind, wieviele Schulen es mit eigenem funktionierenden Moodle gibt, wer das administriert, wie dort der Zuspruch der Lehrenden und Lernenden ist und – nicht zuletzt – auf welche Weise Moodle mit welchem Gewinn eingesetzt wird. Wer entsprechende Erfahrungen mitteilen (oder passende Links teilen) möchte, kann dies gern in diesem Pad oder auch per Kommentar tun…

Vielen Dank!-)

Was fällt dir dazu ein?

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