Gerechter Krieg, gerechter Frieden…

Tausende hingemordet, noch mehr auf der Flucht: Das himmelschreiende Unrecht, das Jesiden, Aleviten und Christen durch Kämpfende der Terrorgruppe des IS zugefügt wird und das Leid, das Vertreibung, Mord und unmenschliche Gewalt auslösen, belebt die Frage, mit welchen Mitteln den Aggressoren beizukommen ist, welche die Verantwortung für Massaker und Völkermord tragen. Ist nicht der Einsatz militärischer Mittel angemessen um dem Elend ein Ende zu bereiten? In Kriegszeiten wird immer wieder die Lehre vom Gerechten Krieg bemüht. Dieser Beitrag möchte einen Überblick über diese Lehre und deren Wert für heute geben…

Die Lehre vom Gerechten Krieg ist nach Rudolf Peter „eine auf römische Wurzel (Cicero) zurückgehende, von Augustinus und Thomas von Aquin wirkungsmächtig weiterentwickelte und in der spätscholastischen Theologie verfeinerte, in die völkerrechtliche Diskussion ausstrahlende und bis heute maßgebliche ethische Theorie, die Prinzipien für die normative Beurteilung zwischenstaatlicher Gewaltanwendung enthält“1.

Intendiert ist wohlgemerkt nicht die Ermöglichung einer Kriegshandlung, sondern deren durch Überprüfung gegebener Kriterien zu erreichende Verhinderung. Der zweite Band des deutschsprachigen Erwachsenen-Katechismus fasst die Genese dieser Kriterien des ius ad bellum wie folgt zusammen:

Als erster entwickelte Augustinus (+ 430) eine christliche Lehre vom Frieden, in der er sich auch mit der Frage befassen mußte, ob Kriege, da sie ein schweres Übel für die Menschen sind, überhaupt sittlich gerechtfertigt werden können. Nach Augustinus kann ein Krieg nur als „gerecht“ angesehen werden, wenn er dem Frieden dient, sich gegen begangenes Unrecht richtet, von der legitimen Autorität angeordnet wird und die Kriegsführung sich auf das unbedingt erforderliche Maß an Gewalt beschränkt.

Im Mittelalter baute Thomas von Aquin (+ 1274) diese Lehre aus. Er betont, daß es Situationen gibt, in denen sich der Fürst für den Krieg entscheiden muß. Doch auch dann bleibt der erlaubte Krieg stets an folgende drei Bedingungen geknüpft: Erstens an die Vollmacht des Regierenden, auf dessen Befehl hin der Krieg geführt werden muß. Zweitens muß ein gerechter Grund vorliegen. Drittens müssen die Kriegführenden die rechte Absicht haben (S. th. II II q. 40, art. 1). Außerdem kann ein Krieg nur sittlich erlaubt sein, um einen besseren Frieden zu erreichen, der die durch schweres Unrecht gestörte Ordnung wiederherstellt oder schweres Unrecht abwehrt.

In der Neuzeit hat Francisco de Vitoria (+ 1546) angesichts der Entdeckung Amerikas und der entstehenden souveränen Staaten das Völkerrecht als gemeinsame Rechtsbasis für alle Völker, Staaten und Kulturen grundgelegt. Gerecht kann nur der Krieg sein, der, nachdem alle friedlichen Mittel ausgeschöpft sind, im Interesse des weltweiten Gemeinwohls mit angemessenen Mitteln das Völkerrecht wahrt, indem geschehenes Unrecht abgewehrt oder drohendes Unrecht verhindert wird.2

Problematisch erwies sich die Anwendung der Kriterien und auch der sich gefährlich nach hinten verschiebende Zeitpunkt der Beschäfigung damit. Nicht selten waren sie andere kriegstreiberische Interessen nur notdürftig bedeckendes Feigenblatt, zumal sich nicht zuletzt mit der Globalisierung auch die umfassende Feststellung der Fakten, welche ein Urteil begründen sollen, die Artikulation verschiedener Perspektiven und auch der voranschreitende Verlust der meinungsbildenden Kraft der traditionellen Medien, schwierig gestaltet.

Neben diesen über Jahrhunderte hinweg ausgeschärften Kriterien gibt es noch das ius in bello, also das Recht im Krieg bzw. welche Art der Kriegsführung vertretbar erscheint. Die Wikipedia liefert – zutreffend – folgenden Gesamtüberblick:

Recht zum Krieg: legitime Autorität (legitima auctoritas/potestas), Vorliegen eines zulässigen Kriegsgrundes (causa iusta), gerechte Absicht der Kriegführenden (recta intentio), letztes Mittel zur Wiederherstellung des Rechts (ultima ratio), Aussicht auf Frieden mit dem Kriegsgegner (iustus finis), Verhältnismäßigkeit der Reaktion (proportionalitas).

Recht im Krieg: Verhältnismäßigkeit der angewandten militärischen Mittel, Unterscheidung von Soldaten und Zivilisten (Diskriminierungsgebot) und Schutz der letzteren während der Kampfhandlungen (Immunitätsprinzip).

Die Auslegung, Rangordnung, Verbindlichkeit, Reichweite, Anwendbarkeit und Erfüllung dieser Hauptkriterien sind seit ihrer Ausformung umstritten. Heute wird vor allem diskutiert, ob alle Kriterien zugleich (restriktive Auslegung) oder nur einige der wichtigsten (permissive Auslegung) erfüllt sein müssen, damit ein Krieg als gerecht gelten kann.3

Die restriktive Anwendung der Kriterien des ius ad bellum ist heute nahezu unmöglich: Allein schon die moderne Art der Kriegsführung, Waffen und Technologie verunmöglichen trotz einschlägiger Rhetorik wie z.B. der des „Surgical Strike“ bzw. des „Precision Bombing“ so etwas wie die proportianalitas, legitima auctoritas und recta intentio sind in unserer Zeit und Welt, in der es mit den Vereinigten Staaten eine militärisch übermächtige Nation gibt, kaum zweifelsfrei nachweisbar, dass die Kriegshandlung tatsächlich ultima ratio sind, wird zwar hartnäckig wiederholt, erscheint aber im Rückblick auch nicht selten fragwürdig.

Augustinus hat neben seinem Beitrag zur Theorie des Gerechten Krieges auch – leider erst mit Verzögerung entdeckt – auch den Begriff des gerechten Friedens (iusta pax Dei) angestoßen4, der im Konziliaren Prozess der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, schmerzlich angestoßen durch die Erfahrung zweier Weltkriege und dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen, zu einer Lehre verdichtet wurde:

Das Leitbild versucht den Vorrang der Gewaltfreiheit für gesellschaftliche Gruppen und den Staat durch die Anwendung von vier leitenden Dimensionen zu erreichen: a) Vermeidung von Gewaltanwendung, b) Förderung von Freiheit zu einem Leben in Würde durch Recht und Gewährung von eigenen Entscheidungsmöglichkeiten, c) Förderung von kultureller Vielfalt im Miteinander von Kulturen und Lebensart, d) Abbau von Not durch mehr Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit. – Im Sinne der prima ratio hat die Prävention von Gewalt also deutlichen Vorrang vor Interventionen, seien sie ziviler oder militärischer Art (und seien diese auch durch humanitäre Gründe motiviert). Die zivile Konfliktbearbeitung ihrerseits geht grundsätzlich militärischen Maßnahmen aller Art vor. Die Dimensionen des gerechten Friedens orientieren Christenmenschen und Kirchen auf konkrete, normativ begründete gewaltfreie Initiativen, wenn es auf den kritischen Politikfeldern um gesellschaftliche oder politische Grundsätze oder um Politikberatung geht. Zu nennen sind als Beispiele in der Debatte um „Sicherheit“ das Konzept der „menschlichen Sicherheit“, die Anerkennung der Menschenrechte, die Forderungen zur Klimagerechtigkeit, zur Abrüstung und Rüstungsexporten sowie zum Einsatz von Militär. Wenn in einem Grenzfall aus letztem Grund (ultima ratio), z.B. bei schwersten Menschenrechtsverletzungen und Völkermord, dennoch der Einsatz von militärischer Gewalt unvermeidbar ist, darf dies (nur) zur Erhaltung von Recht (rechtserhaltende Gewalt) geschehen. Nur dafür können die Kriterien der Lehre vom gerechten Krieg und dann lediglich als Prüfkriterien herangezogen werden.5

Das als „Magna Charta der katholischen Friedensethik in Deutschland“ (DBK.de) bezeichnete Bischöfliche Wort „Gerechter Friede“ vom 27.09.2000 hat diesen Ansatz in kompakter Weise vorgestellt, ausführlich biblisch begründet und auch die Aufgaben der Kirche in diesem Zusammenhang in den Blick genommen.6 Bis heute sind die Erkenntnisse dieses Papiers maßgebend, die Renaissance der Lehre vom Gerechten Krieg in Folge der „humanitären Einsätze“ seit dem Kosovo-Krieg7 konnte wohl nicht zuletzt auch dadurch entkräftet werden.

Mit der Werdung des „Gerechten Friede“ ist die katholische Haltung zu Krieg und Frieden stabil kriegskritisch geworden: Päpste haben unzweideutig Stellung bezogen, Bischofskonferenzen und Geistliche ebenso. Dazu abschließend zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

a) Auf dem Rückflug seines Südkorea-Besuchs im Sommer 2014 beantwortete Papst Franziskus etwa eine Stunde lang Fragen der internationalen Presse. Dabei kam es gleich zu Beginn zu folgender Äußerung:

Frage von Allan Holdren, Catholic News Agency: Ist das militärische Eingreifen im Irak aus Ihrer Sicht richtig, um die Minderheiten zu schützen? – Papst Franziskus: Danke für diese klare Frage. In diesen Fällen, in denen es eine ungerechte Aggression gibt, kann ich nur sagen, dass es legitim ist, den ungerechten Aggressor zu stoppen. Ich unterstreiche das Verb „stoppen“. Ich sage nicht, bombardieren oder Krieg führen: ihn stoppen. Die Mittel, mit denen er gestoppt werden kann, müssen abgewogen werden. Den ungerechten Aggressor zu stoppen, ist legitim. Wir müssen allerdings auch daran denken: Wie oft haben unter dem Deckmantel, den ungerechten Aggressor zu stoppen, Mächte sich Völker an sich gerissen und haben einen echten Eroberungskrieg gemacht? Eine einzige Nation kann nicht darüber urteilen, wie man das stoppt, wie man einen ungerechten Aggressor stoppt. Nach dem II. Weltkrieg gab es die Idee der Vereinten Nationen: Dort muss man diskutieren und feststellen: „Ist das ein ungerechter Aggressor? Es scheint so. Wie können wir ihn stoppen? Nur das, nicht mehr. Zweitens die Minderheiten. Danke für das Wort. Denn zu mir sagt man: „Aber die Christen, die armen Christen.“ Und es ist wahr, sie leiden. Die Märtyrer, ja, es gibt viele Märtyrer. Aber hier geht es um Männer und Frauen, religiöse Minderheiten. Nicht alle sind Christen. Aber alle sind gleich vor Gott, nicht? Den ungerechten Aggressor zu stoppen ist ein Recht, das die Menschheit hat. Aber es gibt auch ein Recht, das der Aggressor hat, gestoppt zu werden, dass er nichts Böses tut.8

Der Kontext der Äußerung macht unmissverständlich klar, dass Franziskus eben nicht die Kriegskeule schwingen will, sondern dezidiert vom Stoppen redet und Bombardement wie Krieg expliziert ausschließt. So ist die buchstäblich überschießende Interpretation dieser Worte in manchen Medien (z.B. bei ZEIT Online: „Franziskus will kein Pazifist sein“9 ) schlichtwegs unangemessen.

b) Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz hat heute eine Erklärung zur Situation im Mittleren Osten abgegeben – hier die Kernpassage:

Gemeinsam mit Papst Franziskus und den Bischöfen im Irak fordern wir: Der Terror muss aufgehalten werden, und die unzähligen Vertriebenen müssen die Chance erhalten, zügig in ihre Heimat zurückzukehren. Deshalb begrüßen wir es, dass die Staatengemeinschaft in diesen Tagen intensiv über eine wirkungsvolle Bekämpfung der ISIS-Terroristen berät. In Deutschland wird vor allem über die Lieferung von Waffen an die kurdischen Kämpfer diskutiert, die sich dem Ansturm von ISIS entgegenstellen. Dazu möchten wir als Bischöfe festhalten: Militärische Maßnahmen, zu denen auch die Lieferung von Waffen an eine im Konflikt befindliche Gruppe gehört, dürfen niemals ein selbstverständliches und unhinterfragtes Mittel der Friedens- und Sicherheitspolitik sein. Sie können aber in bestimmten Situationen auch nicht ausgeschlossen werden, sofern keine anderen – gewaltfreien oder gewaltärmeren – Handlungsoptionen vorhanden sind, um die Ausrottung ganzer Volksgruppen und massenhafte schwerste Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an die rechtliche Pflicht der Staaten, gegen Völkermord aktiv tätig zu werden, und die sogenannte ‚Schutzverantwortung‘ (responsibility to protect) zur Abwehr schlimmster, viele Menschen bedrohender Verbrechen. Diese Maßgabe entspricht den Grundsätzen der katholischen Lehre über den gerechten Frieden.10.

Ergänzung (29.08.2014):
Einige Ideen zur Thematisierung im Unterricht finden sich in diesem Beitrag auf relipuls.de




  1. Quelle: Rudolf Peter 2002: „Gerechter Krieg“, in: Dieter Nohlen/ Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe, Band 1, München: Beck, S. 266, hier zitiert nach Friedenspaedagogik.de///

  2. Quelle: Online-Ausgabe des Katechismus, das Zitat steht auf Seite 322 ///

  3. Quelle: Wikipedia-Artikel „Gerechter Krieg“ ///

  4. Quelle: Wolfgang Huber 2004: „Rückkehr zur Lehre vom gerechten Krieg? – Aktuelle Entwicklungen in der evangelischen Friedensethik“ – Vortragsskript auf EKD.de – Augustinus formt den Begriff in Anschluss an Psalm 85,11 und Jesaja 32,17 – leider gelingt es ihm aber nach Huber nicht, daraus eine Lehre zu entwickeln. ///

  5. Quelle: Wikipedia-Artikel „Gerechter Frieden“, dort wie bei Huber (s.o.) auch Details zur Genese dieser Theorie. ///

  6. PDF-Download des Dokuments bei DBK.deZusammenfassung ///

  7. vgl. dazu wiederum Huber, s.o., und Christoph Fleischmann 2003: „Die Rückkehr des gerechten Krieges. Über die aktuelle Verwendung eines traditionellen Topos.“, in: Kommune März/April 2003, Onlinefassung ///

  8. Quelle: Übersetzung von Jürgen Erbacher ///

  9. Quelle: ZEIT Online am 19. August 2014 ///

  10. Quelle: Erklärung des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz zur Situation im Mittleren Osten ///

  11. Das Bild zeigt die Trauer von Adam und Eva um Abel. Anstoß des Werks war des Künstlers Verlust des eigenen (zweiten) Sohnes. ///

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