Predigt-Kommentar: Aufruf zum Verschwenden

Unser Pfarrer ist im Urlaub. Dank Pastoralverbund hatten wir heute Morgen so das Vergnügen, guten Gewissens “fremdzugehen” und in der Nachbarpfarrei den Gottesdienst zu besuchen. Hört man genauer hin, weil Atmosphäre, Leute und Pfarrer ungewohnt sind oder ist es die Erfahrung einer gut gedachten und gut vorgetragenen Predigt, welche zum besonderen Nachdenken führt?

Tagesevangelium ist das Gleichnis vom Sämann. Matthäus fügt dem Auszug eine Deutung an, die den Blick auf die verschiedenen Böden lenkt, auf die ausgesät wird. Dies leistet einem eher negativen Reflex Vorschub, ist es doch nicht weit, neben der eigenen auch die pastorale Qualität anderer Gemeindemitglieder in den Blick zu nehmen. Instruktiver erweist sich – auch nach Ansicht des Predigers – der Blick auf den Sämann.

Dieser Sämann arbeitet verschwenderisch und – mit Blick auf unsere Zeit – potenziell systemkritisch: Er scheint sich nicht um die Erfolgsaussichten seines Tuns zu sorgen. Dabei muss er doch wissen, dass mit differenzierter Zuweisung des Saatguts ein höherer Ertrag wahrscheinlicher wird. Ist es nicht unverantwortlich von ihm, vermeidbaren Verlust in Kauf zu nehmen? Systemkritisch ist dieser verschwenderische Ansatz, wenn man unserer Zeit die mehr oder weniger ungebremste Herrschaft von Ökonomie und Effizienz attestieren mag.

Ob in Politik, Gesellschaft, im direkten Lebensumfeld oder auch in der Realität der christlichen Kirchen – illustrierende Beispiele dieser Herrschaft finden sich allenthalben. Wo “Arbeitnehmer” von “Arbeitgebern” ans Limit und darüber hinaus beansprucht werden, wo für Spontaneität, Ausdauer und entwickelndes Gespräch weder Raum noch Zeit bleiben, wird der Sämann aus dem Gleichnis Jesu besonders interessant, die Spannung zwischen erzählter und erfahrener Wirklichkeit aktuell.

Laut Prediger bleibt den Hörenden nur, sich aufmerksam der verschwenderischen Aussaat bewusst zu werden bzw. zu bleiben und darauf zu warten, dass das Wort Gottes in einem selbst aufgehen kann.

Darüber hinaus würde ich jedoch als weitere Konsquenz aus dem Gleichnis ziehen, dass Christsein heute kritisch sein darf und muss gegenüber jeglichen Ansätzen, den Menschen zu vermessen, das Individuum zu verwerfen oder zu bevorteilen – und dies geschieht nicht nur in der weiter oben skizzierten Weise, sondern auch in der staatlichen Regelung gentechnischer Anwendungen, nicht zuletzt auch in einem im Kern kaum gesundeten, weil unverändert auf Selektion hin ausgerichteten Bildungssystem.

So gibt es in vielerlei Lebenszusammenhängen Möglichkeiten und die Verpflichtung, Worte und Taten zu finden, die das Evangelium auch dann ernstnehmen, wenn es unangenehm wird. Es ist nicht so, dass die Kirchen, genauer: gemeinschaftsfähige und -willige Christinnen und Christen, heute nichts zu tun hätten.

Dieses Engagement kann anstrengen und aufreiben. Deswegen darf auch das Befreiende des Gleichnisses nicht übersehen werden: Wenn Gott selbst sowohl für Wachstum als auch für die Beurteilung der Erfolge zuständig ist, kann ich mich von Erwartungsdruck freimachen, den nicht nur andere, sondern auch ich selbst aufbaue.

Verschwenden wir uns und unsere Begabungen also etwas mehr in diesem, d.h. Fremd- und Selbstausbeutung abwehrenden, Sinne: an das, wofür sonst keine Zeit mehr ist; an diejenigen, an denen wir sonst vorbeilaufen, an denjenigen, der eben nicht den Weg des Saatguts strategisch berechnet, sondern der sich abhängig macht von dem Boden, auf den es fällt.

1 thought on “ Predigt-Kommentar: Aufruf zum Verschwenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.